Die natürliche Ordnung

Dieses Interview von Katrin Zeug erfüllt so viele meiner Bedürfnisse, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Das größte Bedürfnis ist zunächst, es mit anderen zu teilen.

> Arroganz des Helfens

Kilian Kleinschmidt war 25 Jahre als Entwicklungshelfer für das UN-Flüchtlingswerk in aller Welt tätig; in Ruanda rettete er Zehntausende Hutu. Er leitete u.a. eines der weltgrößten Flüchtlingslager in Jordanien. Dieses Lager ist mit 79.000 Bewohnern inzwischen Jordaniens viertgrößte Stadt.

Beim Lesen der meisten Zeitungsbeiträge über Flüchtlinge bin ich frustriert, weil mein Bedürfnis nach Objektivität und Differenzierung meist auf der Strecke bleibt. Ich spüre Resonanz, wenn Kleinschmidt sagt: »Die einen sind gegen Flüchtlinge, die anderen dafür. Und die Befürworter verherrlichen die Menschen, die jetzt kommen.«

Der Artikel erfüllt auch mein Bedürfnis nach Individualismus. Es fühlt sich gut an, wenn jemand erkennt, wie wichtig das Gefühl ist, ein Individuum zu sein. Kleinschmidt schreibt:
»Aber in den Flüchtlingslagern auf der ganzen Welt wird versucht, genau das zu verhindern. Denn Individualität stört, sie ist chaotisch, mühsam und unpraktisch. […] Wir wollen gerne überall den Gemeinschaftsmenschen sehen. Aber dort, in der Masse, geht es ums pure Überleben. Für alle. Die einen werden aggressiv, die anderen geben sich auf und werden überrollt. Gemeinschaftsdenken gibt es da ziemlich wenig.«

Ich habe ein großes Bedürfnis nach Freiraum und finde es schön, dass Kleinschmidt das offensichtlich auch für universell hält:
»Es gibt zwei Visionen für ein Lager: das Abstelllager, in dem Essen, Wasser und anderes in Rationen verteilt werden und es für alles Regeln gibt. Oder aber man lässt es zu, dass sich ein eigener Raum bildet, Dinge sich selber entwickeln.«
Freiheit erlauben bedeutet eben auch: Kontrolle aufgeben. Dazu Kleinschmidt:
»Es hat bei mir ein bisschen gedauert, bis ich begriffen habe, dass der Mut zum Chaos ein menschlicheres Miteinander ermöglicht.«

Besonders bemerkenswert finde ich auch seinen Satz: »Almosen sind so entwürdigend.« Ich finde auch schön, dass Kleinschmidt die Krise als Chance sieht. So sehe ich es nämlich auch:
»Wenn 10 000 Geflüchtete in München am Bahnhof stehen, dann ist das natürlich schwierig zu managen, aber im Grunde keine ernsthafte Krise. Allein durch solche gefühlten Notsituationen entstehen aber so viele Emotionen, dass endlich Sachen zum Vorschein kommen, mit denen wir uns mal richtig auseinandersetzen müssen. Jetzt sind Grundsatzdiskussionen nötig darüber, wie man als Gesellschaft sein will. Ich finde, die sogenannte Flüchtlingskrise ist ein ganz guter Weckruf.«

Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin für offene Grenzen, aber ich bin gegen Zwangssolidarität und gegen Zwangsintegrierung. Als GfKler bin ich gegen jede Form von Zwang, weil das immer unbeabsichtigte Folgen hat. Deshalb sage ich auch: Kein Zweck heiligt Zwang.

Kleinschmidt hat beim Betreuen von kleinen Welten letztlich dasselbe entdeckt wie Robert Neuwirth: Auf diesem Planeten leben nämlich schon über eine Milliarde Menschen ohne Zwangsbeaufsichtigung durch einen Staat, also in der Anarchie. Das funktioniert. Es hat sich eine natürliche Ordnung gebildet, inklusive privater Schlichter. Es ist aber keinesfalls so, dass da alle Mitglieder einer Versicherungsagentur sind. Natürlich können wir deren Lebensverhältnisse nicht mit unseren vergleichen. Es sind ja die Ärmsten der Armen in armen Ländern. Aber denen geht es viel besser als Menschen mit gleichem Hintergrund, die auch noch unterdrückt werden, Steuern zahlen müssen und eingesperrt werden, wenn sie sich nicht an teilweise unsinnige Gesetze halten.

Neuwirth hat zwei Bücher geschrieben. Wer die nicht lesen will, der liest die ganz hervorragende Zusammenfassung und Interpretation vom bekannten Libertären Jeff Riggenbach.

> The Education of Robert Neuwirth

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Snoopy sieht die Welt

Kurt Kowalsky hat gestern in seiner Facebook-Chronik eine Karikatur geteilt, in der Charlie Brown laut über unsere Sterblichkeit nachdenkt. Das hat mich auf die Idee gebracht, Snoopy aus der Perspektive der verschiedenen Entwicklungsstufen meines neuen Modells antworten zu lassen. Das veränderte integrale Modell von Ken Wilber beschreibe ich in dem Film ohne den Wolf.

Als kleine Übersicht hier noch mal die Vor- und Nachteiler aller Entwicklungsstufen oder besser: Entwicklungs-Holone.

Beige:
+ Überleben, Forpflanzung
– kein bewusstes Ich, keine Einfühlung

Beige

Purpur:
+ Stammesbewusstsein
– Sklaverei, Menschenopfer, Blutrache

purple

Rot:
+ Mut zum Erkunden der Welt
– Wut, Hass, Rache, körperliche Gewalt

red

Hellblau:
+ Räumt anderen Rechte ein
+ kann Belohnungen aufschieben
+ Ordnung und Regeln
+ Optimistisch

iblue

Dunkelblau:
– missionarisch, totalitär
– Denunziation ist in Ordnung
– harte Strafen werden befürwortet
– denkt dichotomisch. Typische Dichotomien: gut/böse, moralisch/unmoralisch, richtig/falsch, normal/abnormal
– Gemeinnutz geht vor Eigennutz

dblue

Hellorange: (ab hier können Forderungen überwunden werden)
+ Aufklärung, Logik, Wissenschaft (Das Wahre: Zählen, Messen, Wiegen etc.)
+ Industrialisierung, Arbeitsteilung, Wohlstand, schulmedizinischer Fortschritt
+ Toleranz und Egoismus ohne anderen zu schaden
+ Utilitaristismus, Denken in Wahrscheinlichkeiten

iorange

Dunkelorange:
– Schafft ein Gewaltmonopol, das ständig wächst und mächtiger wird
– Entwaffnung der Bürger
– Korporatismus, Firmen nutzen Macht der Politik
– Kollektivismus, hält Umverteilung für nützlich

dorange

Hellgrün:
+ Empathie, Gemeinschaft, Dialog, Konsens, Harmonie
+ wohlwollende Grundhaltung, Vertrauen, Gesundheit, Tierrechte
+ Das Schöne und Gute: Kunst, Ethik, Psychologie, Soziologie, Spiritualität
+ Sieht Wettbewerb differenziert in kleiner & großer Welt
+ Wiederentdecken der alternativen Medizin

igreen

Dunkelgrün:
– Egalitarismus, Relativismus (performative Widersprüche)
– Hält Umverteilung für moralisch
– radikaler Pazifismus ohne verteidigende Gewalt
– moralische Forderung nach Altruismus
– Ablehnen der Schulmedizin

dgreen

Gelb:
+ erkennt die ganze Holarchie, Ziel ist deren Gesundheit
+ keine Identifikation mit einer Stufe
+ Ständiger Wandel und eine gewisse Unordnung sind ok
+ Nicht-Wissen wird akzeptiert
+ Kann auf allen Frequenzen funken
+ Weiß, dass ein Modell nur ein Modell ist
+ Kann über sich selbst und sein Modell lachen
– Erkennt nicht, dass es Entwicklungsstränge gibt:
biologisch, rational, emotional, spirituell
– Menschen werden fest einer Stufe zugeordnet, dabei muss man zwischen bewusster und unbewusster Kompetenz unterscheiden

yellow

Türkis:
+ erkennt die spirituelle Einheit
+ überwindet den Dualismus
+ Satori-Erlebnisse
+ kein Zwang mehr, etwas zu ändern
+ Altruismus und Egoismus lösen sich als Dualismus auf, weil in der absoluten Welt kein Unterschied mehr existiert.
– unterscheidet manchmal nicht zwischen relativer und absoluter Welt

turqouise

Offener Brief an Pfarrer Gereon Alter

Lieber Herr Alter,

ich bin sehr überrascht, in Ihrem Wort zum Sonntag eine Zustimmung zum Krieg zu hören. Wahrscheinlich quillt ihr Postfach jetzt über, aber ich möchte Ihnen trotzdem einen offenen Brief schreiben, denn ich habe ein großes Bedürfnis nach Frieden, Gewaltfreiheit und Austausch. Ich habe vier Anmerkungen und eine Bitte:

  1. Die Aufteilung der Welt in Gut und Böse hat meiner Meinung nach noch nie gepasst, auch nicht zur Zeit des kalten Krieges. Da hat die christliche Lehre meiner Meinung nach noch Nachholbedarf. Vielleicht haben Sie Lust, dieses kurze Video von Marshall Rosenberg anzuschauen? Es erklärt, was ich meine.

  2. Sie sagen, keiner der Abgeordneten habe es sich leicht gemacht. Ich finde schon, dass man es sich leicht macht, wenn man nicht selbst in den Krieg zieht und nicht selbst dafür bezahlt, sondern andere schickt und andere dafür zahlen lässt. Das ist aus meiner Sicht eine der Hauptursachen für Krieg: Die, die darüber entscheiden können, müssen selbst nicht kämpfen und nicht dafür bezahlen. Wenn man das ändert, werden Kriege Geschichte.
  3. Sie sagen, christliche Werte seien als Maßstab unverzichtbar, aber man müsse sich auch mit den realpolitischen Möglichkeiten auseinandersetzen. Das klingt für mich wie eine typische Politiker-Floskel. Was heißt das denn konkret?
    Das Politiklexikon von Klaus Schubert und Martina Klein definiert Politik als jegliche Einflussnahme, Gestaltung und Durchsetzung von Forderungen und Zielen in privaten oder öffentlichen Bereichen. Ersetzen wir Forderungen doch einfach durch Bitten und dann wird ein Schuh draus.
  4. Sie sagen, nur zuzuschauen sei die schlechteste aller Lösungen. Das erscheint mir wie klassisches Strohmann-Argument, denn ich kenne wirklich keinen politischen Akteur, der das jemals gefordert hätte. Aber vielleicht haben Sie eine Quelle als Beleg?

Mich würde natürlich sehr interessieren, wie es Ihnen damit geht, wenn Sie von meiner gewaltfreien Haltung zur Kriegsentscheidung lesen.

Mit freundlichen Grüßen
Oliver Heuler

Grenzen auf oder zu?

Die Einwanderer-Frage scheint die Welt der Freiheitsfreunde derzeit zu spalten. Dabei geht es um ein interessantes philosophisches Problem. Die Frage lautet: Ist in der jetzigen Situation eine Eingrenzung der Bundesrepublik zu befürworten oder abzulehnen, wenn man im Sinne der Freiheit entscheiden möchte? Die Grenze würde dazu dienen, nicht-asylberechtigten Einwanderern die Einreise zu untersagen.

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Einig sind sich die Freunde der Freiheit darin, dass es in einer Gesellschaft frei von institutionalisierter, initiierender Gewalt — einer Privatrechtsgesellschaft — keine Staatsgrenzen gäbe. Es könnte also jeder einreisen. Es gäbe aber für die Einreisenden keine Ansprüche auf Unterstützung. Ein Einwanderer brauchte also Geld oder zumindest die Fähigkeit, hier welches zu verdienen, indem er anderen das Leben bereichert. Dabei würde ihm in einer Privatrechtsgesellschaft aber das Arbeiten nicht nahezu unmöglich gemacht, so wie es derzeit Mindestlohn, Sozialversicherungspflicht, Kündigungsschutz, Kammerzwang, ein Asylverfahren oder andere staatliche Regulierungen tun.

Als dritte Möglichkeit stünde dem Einwanderer auch die Bitte um freiwillige Unterstützung offen. Wobei er wahrscheinlich in einer Gesellschaft ohne Staat wegen der größeren Zahl von Philanthropen auch eine noch größere Aussicht auf Erfolg hätte als heute.

In einer Privatrechtsgesellschaft wäre es allerdings auch erlaubt, Ausländer zu diskriminieren. Es könnte also jeder ein Lokal aufmachen, das nur Deutschen Zutritt gewährt. Und damit jetzt kein Etatist vom Stuhl fällt: Es wäre einem Einwanderer selbstverständlich auch gestattet, ein Lokal zu betreiben, in dem Deutsche keinen Eintritt haben.

In einem freien Land gäbe es selbstverständlich auch keine Zwangsintegration. Niemand müsste unsere Sprache lernen oder sich unseren Sitten anpassen; auch Parallelgesellschaften gölte es nicht mit Gewalt zu verhindern. Sogar ein eigenes Rechtssystem wäre den Einwanderern gestattet. Wenn sich beispielsweise Muslima der Scharia unterwerfen wollen, ist das ihr gutes Recht. Auch ein landesweit gültiges Burka-Verbot würde es in einer Privatrechtsgesellschaft nicht geben. Die Einwanderer dürften lediglich niemanden zwingen, an ihrer Parallelgesellschaft teilzunehmen.

Wenn man jedoch in einer Welt lebt, in der die Masse ein Gewaltmonopol für alternativlos hält, stellt sich also die Frage, ob man als Anarchist in unserem fest verankerten Staat und in der jetzigen Situation Grenzen befürworten sollte. Die beiden kontroversen Positionen lauten im Wesentlichen:

1. Man plädiert gegen den Bau von Grenzanlagen.

2. Man plädiert für den Bau von Grenzanlagen und lässt nur Flüchtlinge einreisen, die nach derzeitigem Recht asylberechtigt sind. Der Grenzbefürworter kann sich natürlich auch vorstellen, dass man Einwanderer ins Land lässt, die eine lebenslang geltende Verzichtserklärung für Sozialleistungen unterschreiben. Das wäre dann jedoch schon fast eine Mischlösung und nicht wirklich eine Antwort auf die Frage, ob man in der jetzigen Situation Grenzen befürwortet oder nicht, da der Sozialleistungsverzicht mit dem Status Quo der Bundesrepublik nur schwer zu vereinbaren wäre.

Es gibt jedoch noch zwei weitere Positionen:

3. Man enthält sich der Stimme, kann aber mit beiden Lösungen leben. Man könnte diese Wahl mit Empathie verbrämen, nach dem Motto: Beide Seiten haben ja schließlich universelle Bedürfnisse, die sie für die ein oder andere Seite plädieren lassen. Im Grunde ist das keine stringente Position. Ich kenne auch niemanden, der so argumentiert.

4. Wenn man als Anarchist gefragt wird, ob man in der heutigen Lage für offene oder geschlossene Grenzen plädiert, ist das eigentlich eine Fangfrage, denn man muss aus zwei Alternativen eine wählen, und beide enthalten etwas, das man ablehnt. Die erste lautet: Sozialstaat plus offene Grenzen. Wobei der Anarchist im ersten Semester lernt, dass das für den Sozialstaat eine verhängnisvolle, selbstzerstörerische Kombination ist. Die zweite Alternative lautet: Sozialstaat plus geschlossene Grenzen. Und auch hier entschiede sich der Anarchist für einen Sozialstaat. Wenn er jedoch antwortet, dass er den Sozialstaat ablehnt, dann bekommt er oft zu hören, dass das ja eine unrealistische Utopie sei. Gleichwohl lautet Antwort Nummer vier:

»Ich verweigere eine Antwort, und ich halte die anderen Antworten für falsch. In einem unmoralischen System kann es keine intrinsisch ethische Lösung geben, und eine utilitaristische Wahl — nach dem Motto: Was schadet am wenigsten? — halte ich auch für falsch.«

Es käme ja auch niemand auf die Idee, ein Mitglied von Amnesty International zu fragen, ob er eher für öffentliche Folter plädiert oder für Folter unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Übrigens ist weder Antwort vier noch Antwort drei relativistisch oder nihilistisch, denn auch hinter diesen Antworten steht eine Meinung und das Plädoyer für offene Grenzen ohne Wohlfahrtsstaat. Man sagt nur, dass es unter der Prämisse des Wohlfahrtsstaates unmöglich ist, die Frage nach den Grenzen stringent anarchistisch und logisch zu beantworten.

Die Argumente

Wie lauten die Haupt-Argumente der kontroversen Seiten eins und zwei? Das der Grenzgegner lautet:

Die Grenzsicherung ist eine der wesentlichen Daseinsrechtfertigungen des Staates. Ein Vertreter der Freiheit könne deshalb nicht befürworten, dass der Staat hier aktiv wird, denn das wäre ein Ruf nach einem unmittelbaren Erhöhen der Staatsaktivität: eben das Errichten und Bewachen von deutschen Grenzmauern, die es derzeit nicht gibt. Wobei diese Mauer nach einem Staatsbankrott auch dazu dienen könnte, Deutsche nicht mehr mit ihrem Vermögen ausreisen zu lassen. Bei der Argumentation gegen Staatsgrenzen kann man durchaus und widerspruchsfrei einräumen, dass Grenzen mittel- und langfristig sogar eine größere Aufblähung des Staates verhindern könnten. Aber der Verweis auf vorteilhafte Folgen eines Mauerbaus ist für den Grenzgegner eine klassisch utilitaristische Argumentation, nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.

Das Haupt-Argument der Grenzbefürworter lautet:

Eine Grenze greife nicht in das Eigentumsrecht des Einwanderers ein; der Einwanderer greife aber in das Eigentumsrecht des Steuerzahlers ein, weil der Steuerzahler den Einwanderer im derzeitigen System alimentieren muss. Außerdem sei eine der selbstauferlegten Aufgaben des Staates, innere und äußere Sicherheit im Land zu gewährleisten. Der Staat lässt den Bürgern nicht die Freiheit, sich Dienstleister für den Personenschutz frei zu wählen, sondern er verbietet privaten Waffenbesitz und stattet Polizei, Grenzschutz und Bundeswehr mit einem Monopol aus. Untersagt man den Landesbewohnern also die Verteidigung von Eigentum und Leben, müsse es gestattet sein, den Monopolisten aufzufordern, dieser Aufgabe ordentlich nachzukommen. Diese Aufforderung sei gleichsam ein Akt der Selbstverteidigung. In einem Staat dürfe man als Hausbesitzer und Anarchist auch fordern, dass die Polizei einen Einbrecher daran hindert, in das eigene Haus einzudringen.

Beim Beispiel des eigenen Hauses stimmen die Grenzgegner den Grenzbefürwortern zu. Betritt der Einwanderer jedoch ein fremdes Staatsgebiet sei das etwas anderes, weil es sich beim Staatsgebiet um Diebesgut handele. Das gehöre dem steuerzahlenden, anarchistischen Grenzbefürworter nicht, und deshalb könne er nicht über dessen Verwendung mitbestimmen. Andernfalls hätte er zugestimmt, dass der Staat der Sachverwalter seines Geldes ist und das Staatsgebiet eine Art Privatgrundstück, das von Politikern verwaltet wird. Der Grenzgegner will als Anarchist nicht befürworten, dass Menschen mit Gewalt davon abgehalten werden, ein Gebiet zu betreten, das niemandem gehört, weil es das Diebesgut einer kriminellen Organisation ist. Bei diesem Diebesgut lässt sich auch nicht genau klären, wer genau der rechtmäßige Eigentümer ist, da die kriminelle Organisation achtzig Millionen Menschen auf eine Weise bestohlen hat, bei der nicht mehr nachzuvollziehen ist, wer genau welchen Schaden erlitten hat.

In der Diskussion unter Libertären entstehen wahrscheinlich auch deshalb regelmäßig Missverständnisse, weil es unter den Libertären auch Minarchisten gibt, also Befürworter eines Minimal- oder Nachtwächterstaates. Was sagt der Minarchist? Ich kann das schwer beurteilen, weil der Minarchist aus meiner Sicht keine stringente Haltung hat: Er ist für Selbsteigentum, aber will dem Bürger doch ein bisschen Geld abpressen, um innere und äußere Sicherheit herzustellen und das Sicherheitsmonopol aufrecht zu erhalten. Was nun bei der Grenzfrage logisch aus dieser Haltung folgt, ist auch schwierig zu sagen. Warum sollte dieser Staat die Grenzen schließen, wenn es keine Sozialleistungen gibt? Man könnte argumentieren, dass jeder Einwanderer an der inneren Sicherheit partizipiert und deshalb müsse man ihn zu den gleichen Steuerzahlungen zwingen. In diesem Fall wären Grenzen natürlich obligatorisch.

Aber zurück zu den Anarchisten und den vier verschiedenen Positionen:

Wenn der Fragesteller eine eindeutige Entscheidung — pro oder contra Grenzen — hören möchte, würde er die Frage vielleicht umformulieren, zum Beispiel so: Was würdest du tun, wenn du Bundeskanzler wärst?

Antwort: Wenn ich Bundeskanzler wäre, wäre ich überzeugter Demokrat und würde das Volk befragen, welche Lösung es gerne hätte. Das würde dann zu einem echten Lackmus-Test für die demokratische Refugees-Welcome-Fraktion: Könnten die damit leben, wenn die Mehrheit für geschlossene Grenzen stimmte? Wenn nicht, wären sie keine Demokraten.

Jetzt könnte der Fragende immer noch ein Ausweichen beklagen und die Frage so umformulieren: Was würdest du tun, wenn du Bundeskanzler und Anarchist wärst?

Antwort: Als Anarchist wäre ich kein Bundeskanzler!

Das Loren-Dilemma

Ich präferiere also Lösung Nummer vier und halte es für unmöglich, mit reiner Logik die zentrale Frage zu beantworten, ob man das Befürworten von Grenzen als Selbstverteidigung auslegen kann. Ein vergleichbares Problem beschäftigt die Philosophie schon lange. Es ist das Loren-Dilemma:

Hier ist ein Güter-Transportwagen auf Schienen (Lore) außer Kontrolle geraten und droht, fünf Personen zu überrollen. Durch Umstellen einer Weiche kann die Lore auf ein anderes Gleis geleitet werden. Unglücklicherweise befindet sich dort eine weitere Person. Die Frage lautet nun: Darf man durch Umlegen der Weiche den Tod einer Person in Kauf nehmen, um das Leben von fünf Personen zu retten?

Intuitiv antworten 90 Prozent der Befragten mit ja, also utilitaristisch, soll heißen: Der moralische Wert einer Handlung wird aufgrund ihrer Konsequenzen beurteilt. Wenn man das Gedankenexperiment etwas erweitert, schrecken die meisten Leute jedoch vor der utilitaristischen Lösung zurück:

Eine Lore ist außer Kontrolle geraten und droht, fünf Personen zu überrollen. Durch Herabstoßen eines unbeteiligten dicken Mannes von einer Brücke kann die Lore zum Stehen gebracht werden. Darf man den Mann herunterstoßen und damit töten, um das Leben von fünf Personen zu retten?

Hier antworten die meisten Leute mit nein, also eher deontologisch, sprich: Meine Handlung soll unabhängig von ihren Konsequenzen intrinsisch gut sein, und wenn ich jemanden töte, ist sie das nicht. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Wie lautet meine Wahl in diesem Beispiel? Ich tendiere grundsätzlich eher zur deontologischen Wahl. (Tatsächlich bin ich eher ein Regel-Utilitarist, aber das ist auch eine deontologische Haltung.) Mein Buch zur Anarchie trägt deshalb auch den Titel »Kein Zweck heiligt Zwang«. Aber man kann die Geschichten mit ethischen Problemen immer geschickter zurechtschneiden, und irgendwann wird klar, dass es keine allgemein gültige Definition geben kann, wie grundsätzlich zu verfahren ist. Ein solches, extrem verzwicktes Beispiel aus der Praxis, das sich so in New South Wales tatsächlich abgespielt hat, habe ich in der philosophischen Enzyklopädie der Stanford-Universiät gefunden:

Folter — pro oder contra?

Eine Frau bezahlt nach dem Tanken das Benzin und lässt ihr Baby und den Zündschlüssel im Auto. Ein Dieb stiehlt ihr Auto und entdeckt nach einer Weile, das Kind auf dem Rücksitz. Er lässt das Auto daraufhin einfach stehen und das Baby bleibt an einem brütend heißen Tag im Auto zurück. Die Polizei hat inzwischen an der Tankstelle die Videoaufzeichnung der Sicherheitskameras ausgewertet und verfügt über eine genaue Beschreibung des Autodiebes. An einem Bahnhof kann man den Dieb festnehmen, und er wird sofort gefragt, wo er das Auto zurückgelassen hat. Aber es nützt alles nichts: Der Mann weigert sich, den Diebstahl zuzugeben und sagt deshalb auch nicht, wo das Auto steht. Die Polizei versucht es mit Appellen an seinen Anstand, an seinen Verstand, an sein Eigeninteresse. Sie bieten ihm eine milde Strafe an, wenn er den Ort des Autos preisgibt und drohen ihm mit einer Totschlag-Anzeige, wenn das Kind stirbt. Es nützt nichts, und schließlich beginnen die Beamten den Mann zu schlagen. Nach vielen schmerzhaften Schlägen wird ihm klar, dass die Polizisten nicht aufhören werden, bis er auspackt. Also verrät er den Ort des Autos, das Kind wird gerettet und die Frage lautet: War die Folter gerechtfertigt? Die Polizei war sicher, dass die Folter ein unschuldiges Leben retten kann und es keine andere Möglichkeit der Rettung gab. Die Zeit drängte, denn das Kind würde früher oder später einen Gehirnschaden erleiden und schließlich sterben. Man wusste auch, dass der Dieb schuldig war, denn man hatte Gegenstände aus dem Auto in seinen Taschen gefunden.

Kann man die Beamten moralisch verurteilen? Ich halte es in jedem Fall für richtig, Folter gesetzlich zu verbieten, damit Polizei und Militär keine Ermessensspielräume bekommen. Aber wer würde die Polizisten als Richter anschließend schwer bestrafen, wenn sie vorher nie Gewalt angewendet haben? Wenn man irgendwo Gnade vor Recht ergehen lassen kann, dann hier.

Liebe weist den Weg

Bei einem Austausch zum Thema Antipädagogik schrieb mir Carlos Gebauer einmal vor Jahren folgenden Absatz, den ich schon oft zitiert habe:

»Libertär/liberal sein, heißt glaube ich nicht, jeden erdenklichen Wutanfall des eigenen Kindes verhindern zu müssen. Wo die Grenzen liegen, kann ich natürlich nicht definieren. Im Gegenteil halte ich jeden für einen Scharlatan, der behauptet, er könne hier Definitionen liefern. Es gibt eben Dinge zwischen Himmel und Erde, die man nicht in Tatbestand und Rechtsfolge fassen kann. Die Regel heißt nur: Grauzonen sind auszuhalten. Liebe weist den Weg.«

Aber wie äußert sich nun bei der Einwanderer-Frage die Liebe? Auch das ist schwer zu entscheiden: Man würde zunächst vermuten, dass ein Mauerbau kein Ausdruck von Liebe sein kann: Auch wenn politische Flüchtlinge weiterhin Asyl bekämen, gibt es auch viele Wirtschaftsflüchtlinge, die in Not sind und die wahrlich großes Leid plagt. Von Angela Merkel fühlten sich außerdem viele implizit eingeladen. Will man die wirklich alle wieder mit einem »Ätsch!« nach Hause schicken? Es würde Bilder geben, bei denen halb verhungerte und halb erfrorene Eltern mit Kindern über Zäune und Mauern klettern und dann zurückgestoßen werden.

Die Lage, in die wir uns hineinmanövriert haben, ist wirklich verzwickt. Auf der anderen Seite müssen sich Merkel-Anhänger auch die Frage gefallen lassen, was genau daran solidarisch ist, wenn man Hilfsbedürftigen nicht selbst hilft, sondern nur andere mit der Waffe zur Hilfe zwingt. Und so ist es letztlich: Wenn die Kanzlerin Menschen nach Deutschland einlädt, trägt ja nicht sie die Kosten, sondern der Steuerzahler — auch wenn der damit vielleicht nicht einverstanden ist. Und um eine demokratische Rückversicherung in einer langfristig folgenreichen Entscheidung für die Nation, hat sie sich auch nicht bemüht.

Selbst wenn die Kanzlerin die einstimmig gewählte Verwalterin unseres Eigentums wäre und der Auftrag lautete, die weltweite Wohlfahrt zu maximieren, müsste sie sich drei Fragen stellen:

1. Ist es wirklich sozial, Hunderttausende einreisen zu lassen, nur um sie monatelang in Erstaufnahme-Einrichtungen zusammen zu pferchen, dann planwirtschaftlich nach Quoten über das Land zu verteilen und die meisten schließlich wieder des Landes zu verweisen mit der Pflicht, die verursachten Kosten auch noch zu erstatten? So ist meines Wissens die derzeitige Rechtslage. Wobei das derzeitige Recht in der Zuwanderungsfrage sowieso eher eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint.

2. Wenn der Plan lautet, auch langfristig praktisch keine Einwanderer auszuweisen, drohen schwedische Verhältnisse, die das Volk ernsthaft spalten, den Sozialstaat überfordern und die Einwanderer dauerhaft frustrieren könnten. Wäre das ein soziales Handeln?

3. Könnte es bei begrenzten Ressourcen nicht sinnvoll sein, darüber nachzudenken, wie man die am effizientesten einsetzen kann? Stichwort: Wohlfahrtsökonomie. In der Ökonomie reicht es nämlich nicht zu sagen »mit diesem Euro tun wir etwas Gutes« — der Ökonom ist erst dann zufrieden, wenn er sagen kann: »Mit dem so ausgegebenen Euro tue ich nach bestem Wissen mehr Gutes, als mit allen alternativen Ausgabe-Möglichkeiten.« (Stichwort: Kopenhagener Konsens).

Die Folgen der Wahl

Auch wenn man sich einig ist, dass man nicht utilitaristisch entscheiden möchte, kann man natürlich über die Folgen der eigenen Handlung nachdenken. Das Ziel der meisten Anarchisten besteht im Grunde darin, eine kritische Masse der Nicht-Anarchisten von ihrer Position zu überzeugen, um damit irgendwann zur Lösung »offene Grenzen ohne Sozialstaat« zu gelangen.

Mit dem Plädoyer für Grenzen wird man eher Applaus bei den Menschen ernten, denen zu viele Ausländer Angst machen. Das könnte derzeit sogar die Mehrheit sein. Umfragen weisen klar in diese Richtung, und man kann davon ausgehen, dass die wahren Zahlen sogar noch deutlicher ausfallen, denn es ist ja nicht leicht, diesen Standpunkt zu vertreten, weil die Nazikeule von überall zuzuschlagen droht.

Mit dem Verzicht auf ein Grenz-Plädoyer wird man eher Applaus vom Mainstream, vom Establishment und den so genannten Intellektuellen bekommen. Hier sitzen derzeit noch die Meinungsmacher. Die Frage lautet also: Wen würde man eher überzeugen wollen? Die Anarchie hat für beide Lager etwas zu bieten: Die Konservativen können mit wirtschaftlicher Freiheit mehr anfangen und die »Sozialen« sind eher Verfechter der individuellen Freiheit. Aber welcher Weg wäre der schlauere? Albert Einstein hat mal gesagt: »Prognosen sind etwas sehr Schwieriges — vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.« Intuitiv werbe ich in Gesprächen eher damit, dass Anarchie letztlich sozialer ist als ein Sozialstaat und nicht damit, dass unser Eigentum besser geschützt ist. Aber das kann auch an meinem Bekanntenkreis liegen, der sicher keine repräsentative Gruppe in Deutschland darstellt — oder an meiner Vergangenheit der ökologisch-sozialistischen Überzeugung.

Jenseits der Frage »pro oder contra Grenzen« gibt es meiner Meinung nach noch eine wichtige Folge der eigenen Entscheidung eines jeden Anarchisten: nämlich wie er seine Entscheidung vertritt. Menschen, die am Gewaltmonopol zweifeln oder sogar grundsätzlich an initiierender Gewalt, werden früher oder später unsere Diskussionen verfolgen. Bei der Werbewirksamkeit könnte die Art der Diskussion fast noch wichtiger sein als deren Inhalt. Als besonders harmonisch und respektvoll habe ich die Diskussion zwischen Oliver Janich und Stefan Blankertz wahrgenommen. Bei manchen Diskussionsbeiträgen auf Facebook hatte ich leider nicht den gleichen Eindruck. Da scheint es manchmal so, als glaubten beide Seiten, die Moral, das Recht und die Logik auf ihrer Seite zu haben und deshalb auch die Pflicht, die andere Seite zu diffamieren. Ich fürchte, dass man damit weder das Interesse der Beobachter erhöht noch die wahrgenommene Attraktivität unseres Konzeptes.

Der reife Pickel

Das Lemsche Gesetz von Stanislaw Lem besagt: »Niemand liest etwas. Wenn er etwas liest, versteht er es nicht. Und wenn er es versteht, vergisst er es sofort.« Also habe ich mal wieder etwas vorgetragen, ein Video produziert und Lems Gesetz umformuliert:
»Wir starren permanent auf Schirme. Manches verstehen wir. Und wenn es uns gefällt, teilen wir es sofort.«

Ein Salafist öffnet mir die Augen

Ahmad Mansour ist ein palästinensisch-israelischer Psychologe, der in Deutschland lebt und sich gegen die Radikalisierung der Muslime und gegen den muslimischen Antisemitismus engagiert. Am Anfang seines Buches »Generation Allah« beschreibt er eine von ihm organisierte Informationsveranstaltung für junge Muslime:

mansour

Jusuf, ein junger Salafist, beklagt den mangelnden Gottes-Respekt der meisten jungen Muslima und dass alte Menschen nicht mehr so geachtet würden, wie es sich gehöre. Etwas stimme nicht mit der Welt, die früher besser gewesen sei. Die Salafisten hingegen seien richtig gute Muslime, die Menschen von Drogen befreien würden und ständige Raubüberfälle verhinderten. Seit es die Salafisten gebe, gingen Leute wieder in die Moschee, tränken keinen Alkohol mehr und gingen nicht mehr in Spielhöllen. Absurd sei Jusuf zufolge, das Gleichsetzen der Salafisten mit Terroristen.

In einem Einzelgespräch findet Mansour dann heraus, dass Jusuf keineswegs ein fanatischer Frommer ist und dass er noch nicht einmal betet. Jusuf würde das zwar gerne, aber es gelingt ihm nicht. Er hat schon ein paar abgebrochene Ausbildungen hinter sich und auch das Abnehmen mit Sport misslingt ihm. In dieser Unzufriedenheit hat er in einer religiös aufgeladenen Ideologie seinen Halt gefunden. Jusuf identifiziert sich laut Mansour mit Salafisten wie andere mit Comic-Helden, und beim Tyrannisieren seiner Altersgenossen bekommt er scheinbar Macht und Anerkennung.

Beim Lesen dieser Beschreibung habe ich mich selbst wiedererkannt, in meiner Zeit als Öko-Sozialist. Ich war vor zwanzig Jahren überzeugt, dass das Heil der Welt in einer nachhaltigen Lebensführung liegt: vegetarische bzw. vegane Ernährung, Einkauf im Bioladen, Bücher von Herbert Gruhl, Hoimar von Ditfurth und dem Club of Rome, Verzicht auf übermäßigen Energieverbrauch, Mitgliedschaft bei Greenpeace und in der radikal-ökologischen Partei ÖDP und dergleichen mehr. Aber auch mir ging es wie Jusuf: Ein konsequent ökologisches Leben verlangt Disziplin und Verzicht. Da blieb mein Verhalten oft erschreckend weit hinter meinen Ansprüchen zurück. Und selbst wenn man seinen Ansprüchen phasenweise genügt, nützt es ja nichts, wenn fast alle auf eine Weise leben, die man selbst als gefährlich ignorant einstuft. Und so wurde ich zum Missionar: Unterbewusst erhoffte ich, dass wenn irgendwann die Grünen die Regierung stellen, dass dann erstens die anderen zur gleichen Lebensweise gezwungen werden, und dass ich zweitens als politischer Avantgardist Anerkennung und Bestätigung für die eigene Ideologie bekomme. Außerdem wünschte ich mir drittens, auf diese Weise einen großen Pool an Unterstützern zu finden, für die Zeiten, in denen ich selbst vom rechten Weg abkomme.

Auch wenn ich mich damals natürlich als ein Verfechter der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verstanden habe, war ich doch in einem gewissen Sinne totalitär: Der Totalitarismus bezeichnet nämlich eine Form von Herrschaft, die — im Unterschied zu einer autoritären Diktatur — den Anspruch hat, einen neuen Menschen gemäß einer bestimmten Ideologie zu formen.

Der Sozialist oder Sozialdemokrat in mir hatte übrigens die gleichen Ambitionen: Ich habe die mangelnde Solidarität unter den Menschen beklagt und erhoffte auch hier meine eigene Standfestigkeit zu erhöhen, indem ich die Mehrheit zu bekehren versuchte. Schließlich konnte ich nicht alleine die Armut auf der ganzen Welt beseitigen.

Hin und wieder erschrak ich auch über meine intuitive Angst vor allem Fremden. Gab es da etwa rassistische Keime in mir? Als Lehrling wohnte ich mit manchmal gemischten Gefühlen im Türkenviertel von Mölln, und in Donaueschingen hatte ein orientalischer Obsthändler sein Ladenlokal in dem Mietshaus, in dem ich wohnte. Ich regte mich oft über dessen Unordnung auf, aber danach auch meist über meine eigenen verurteilenden Gedanken. Gleichzeitig trug ich in der öffentlichen Diskussion meine Ausländer-Toleranz wie ein Schutzschild vor mir her.

Aber wie ist es heute? Kann man auch aggressiv und missionarisch gewaltfrei sein? Das könnte ich nun vehement bestreiten mit dem Hinweis auf das Nichtaggressionsprinzip, das ja die Grundlage des Libertarismus und des Anarchokapitalismus ist. Dieses Prinzip besagt, dass der Einsatz von Gewalt — oder die Drohung damit — ausschließlich als Notwehr zulässig ist. Hier gibt einem jedoch die Auslegung von Notwehr einen gewissen Spielraum. Außerdem berufen sich viele Anarchisten drauf, dass es den Tatbestand der Beleidigung oder Verleumdung in einer Privatrechtsgesellschaft nicht geben kann. Ich glaube, es würden nur wenige bestreiten, dass der Ton in Auseinandersetzungen innerhalb der Anarchisten bisweilen auch missionarische Züge trägt, um es einmal vorsichtig zu formulieren.

Gefährlich wäre jetzt die relativistische Schlussfolgerung, dass nun mal jeder seine eigene Wahrheit habe und deshalb niemand seinen Standpunkt als besser oder wahrer betrachten dürfe als einen anderen. Hilfeleistung ist besser als Mord, Freiwilligkeit besser als Zwang, Geschenke sind besser als Diebstahl und Freiheit besser als Sklaverei. Aber die Frage lautet, wie man diese Haltung vertritt?

Klar kann man mit Schuld- und Schaminduzierungen arbeiten. Habe ich im meiner Verzweiflung hin und wieder auch versucht — und dann mit Selbstverteidigung gerechtfertigt. Inzwischen glaube ich, dass da oft ähnliche Muster zugrunde liegen wie bei meinen früheren Missionarsversuchen: Ich fühle mich in diesen Momenten hilflos, bedrückt, allein und unglücklich. Ich suche nach Anerkennung, Verständnis und Unterstützung, aber bediene mich einer ungeschickten Strategie — eben der mit Schuldzuweisungen und Beschämungen. Oder ich nutze Ironie, Sarkasmus und Vorwürfe in Richtung der von mir identifizierten »Freiheitsfeinde«.

Als Demokrat hatte ich zumindest die Illusion, in der besten aller Gesellschaftsformen zu leben. Aus dieser Blase der Unschuld fallen die meisten jedoch schon beim Lesen der ersten libertären Bücher heraus. Und wenn man dann noch erkennt, wie unwahrscheinlich es ist, eine Privatrechtsgesellschaft zu Lebenszeiten verwirklicht zu sehen, wird es eine Weile ganz schön beklemmend. Wer dann auch noch eine Biografie des permanent ungestillten Bindungshungers mitbringt, wird häufig zur wandelnden Manifestation der Verzweiflung, der Verbitterung und der Frustration. So wird niemand zu einem effektiven Botschafter der Freiheit. Sämtliche Äußerungen lesen sich dann eher als unbewusste Hilferufe, denn als Einladungen zur Befreiung aus gesellschaftlicher und politischer Sklaverei.

Wie lautet also meine Quintessenz? Wenn sich die Sprache bei mir verschärft, meine Haltung sich versteift und die Gelassenheit unwichtig zu werden scheint, versuche ich mich an die Frage zu erinnern, was ich eigentlich brauche und ob meine Strategie dazu geeignet ist. Manchmal wiederentdecke ich dann, dass die Freiheit in der Gesellschaft keine Voraussetzung für mein Lebensglück ist. Solange ich es schaffe, Gewaltfreiheit in der Familie, im Freundeskreis und an meinem Arbeitsplatz zu leben, geht es mir wahrscheinlich besser als in einer Privatrechtsgesellschaft, in der mir das nicht glückt. Gelingt es mir dann auch noch, die schönen Bedürfnisse eines Salafisten zu sehen— so wie heute beim Lesen von »Generation Allah« —, fühle ich mich wirklich frei, ganz unabhängig von der aktuellen Regierungsform.

Brandon Bryant

Die Zeit, 15.10.15: Eine Telefonnummer reicht, um Menschen zu töten

branden

Ich weiß, wie übel es sich anfühlen kann, wenn man so einen Artikel wie den in der Zeit liest und einem klar wird, dass man bei den letzten Wahlen ja gesagt hat zu einem Gewaltmonopol — also zu initiierender institutionalisierter Gewalt —, ja gesagt hat zu Kriegen, ja gesagt hat zu Überwachung und Unterdrückung.
Ich habe auch schon gewählt. Es ist lange her, aber ich will nichts beschönigen: Ich habe es getan. Es nützt allerdings nichts, wenn man sich später mit Selbstvorwürfen zerfleischt. Schuldgefühle und Scham sind keine guten Berater für zukünftige Handlungen. Die überwältigende Mehrheit der Wähler hatte sicher auch die besten Absichten — wahrscheinlich auch die Mehrheit der Politiker. Das kann jedoch kein Grund sein, weiter den Kopf in den Sand und Briefe in Wahlurnen zu stecken. So ein Kreuz auf einem Wahlzettel bedeutet Leid und Tod für unschuldige Menschen. Man sieht das dem Kugelschreiber nicht an. Brandon Bryant hat auch nur auf Knöpfe aus Plastik gedrückt. Aber er hat jetzt die Verantwortung übernommen; und das ist der erste Schritt.

Das Grübeln über ein Kreuz an einer anderen Stelle ist übrigens keine Alternative: Wenn man andere Leute scheinbar legitimiert, über das Leben ihrer Nachbarn zu bestimmen, kommt am Ende immer Gewalt heraus. Wo man Gewalt reinsteckt, kann keine Liebe herauskommen.
Aber was ist die Alternative zur Demokratie? Haben wir in der Schule nicht gelernt, dass es keine bessere Form des Zusammenlebens gibt? Das sagen die Agenten des Staates — was sollen sie auch sonst sagen? Andernfalls wären sie ja keine. Die Alternative lautet: radikaler Verzicht auf initiierende Gewalt. Das fängt in der Familie an (Stichwort: Antipädagogik), setzt sich bei Bekannten oder am Arbeitsplatz fort (Stichwort: Gewaltfreie Kommunikation) und endet schließlich in der Gesellschaft (Privatrechtsgesellschaft).

Freiheit und Verbindung ohne Internet?

Kulturkritisches von Richard Williams geistert wieder durch die Chroniken meiner Freunde. Seine Botschaft scheint die Menschen zu berühren.

Aber war früher alles besser? Lebten und liebten wir vor der digitalen Revolution intensiver? Ich nicht. Facebook und YouTube, Gmail und Skype, Google und Wikipedia bereichern mein Leben. Wer Williams‘ Botschaft wirklich ernst nimmt, steigt aus: Telefon in den Müll, ISP kündigen und wieder unter Menschen.

Williams zu liken und zu teilen, erscheint mir selbstwidersprüchlich. Aber vielleicht geht es auch um den Wunsch, dass die anderen das Telefon weglegen? Kann man ja sagen. Oder geht es darum, einen Schuldigen für die eigene Einsamkeit zu finden? Meine Vermutung: Da hülfe auch die globale Abschaltung des Internets nichts. Das würde nur der Politik in die Hände spielen. Mein Vorschlag: Nicht den Browser schließen, sondern das Herz öffnen. Wenn die Herzen offen sind, kann uns keine Maschine ablenken. Aber das Herz lässt sich nicht so einfach öffnen wie eine App. Das braucht Mut, Unterstützung, Übung und Wissen — und da kann das Internet helfen. Noch bist du ja online: http://bfy.tw/2J0g

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Ich mache mir Sorgen

Ich stelle mir gerade vor, die Regierung macht weiter wie bisher, und wir haben in zwei Jahren bei der nächsten Bundestagswahl x Millionen neue Migranten bei uns. Bei der Integration können wir in zwei Jahren sicher keine Wunder erwarten — daran würde auch ein neuer Solidaritätszuschlag nichts ändern können.

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Ich fürchte auch, dass es keine Rolle spielt, dass in unserem Land, allein von der Fläche, locker Platz für zehn Millionen Flüchtlinge wäre. Egal wäre auch, dass selbst zehn Millionen neue Flüchtlinge immer noch nur einen Flüchtling auf zehn Deutsche bedeuten würden. Einzig die Wahrnehmung der Masse zählt. Wenn die glaubt, Deutschland sei überfremdet oder überfordert, dann nützen alle anderen Fakten wenig. So ist das eben in einer demokratischen Kultur, in der die Mehrheit diktiert, was gemacht wird. Wie schnell die Stimmung tatsächlich umschlagen kann, sehen wir an aktuellen Umfragen: Noch vor wenigen Wochen befand sich Deutschland im Refugees-Welcome-Glückstaumel, und heute wollen 90 Prozent eine Begrenzung der Aufnahme von Flüchtlingen. Schon 72 Prozent wünschen sich einen Aufnahmestopp. In dem Zusammenhang habe ich mich gerade noch mal an einen weitsichtigen Artikel aus der Wirtschaftswoche erinnert: Er ist vom türkischen Kabarettisten Serdar Somuncu.

Noch ist aber die Bondblase nicht geplatzt, vor der inzwischen sogar der IMF warnt. Nehmen wir mal an, das Platzen geschieht auch in den nächsten zwei Jahren. Dann gibt es die zweite Weltwirtschaftskrise und eine verhasste Bevölkerungsgruppe. Bei mir klingelt da was. Die ökonomische Schlussfolgerung wird ganz sicher lauten: weniger Markt, mehr Staat! Wenn also die Gesinnung der Menschen schon sozialistisch ist — was heißt: wir wollen einen starken Staat —, dann muss nur noch die nationale Komponente hinzukommen. Und die kommt schnell, wenn es an den staatlichen Futtertrögen eng wird. Eine Partei, die es heute vielleicht noch gar nicht gibt, findet sich dann bald. 2017 kommt diese Partei eventuell schon an die Macht — vielleicht mit irgendeiner Koalition. Und wie schnell aus gemäßigten und toleranten Parteiprogrammen radikale und totalitäre werden, hat die Geschichte zig mal gezeigt.

Was macht diese Regierung nun mit den vielen Flüchtlingen, die ja nun mal da sind? Wie wird man die wieder los? Ziehen dann spezielle Einheiten der Bundeswehr durch die Straßen, um illegale Migranten aufzugreifen? Die olivgrüne Staats-Truppe darf ja seit 2012 im Inneren eingesetzt werden. Was machen die mit den Deutschen, die Migranten verstecken? Das wird wahrscheinlich nicht legal bleiben. Kommen diese Migrantenhelfer mit in die gleichen Lager?
Um die Auffanglager werden eventuell Zäune gezogen, und die werden mit Wachtürmen gesichert. Offiziell dient das den Migranten sicher als Schutz vor aufgebrachten Deutschen. Die, die abgeschoben werden, sind so zahlreich, dass man sie in Güterwagons langer Züge stecken muss. Sollte die Stimmung bei solchen Bildern in Bedrückung umschlagen oder gar regierungskritisch werden, könnten Angriffe unter falscher Flagge Abhilfe schaffen: Da steckt man ein paar Gebäude in Brand und schiebt es den Migranten in die Schuhe. Schon wird der Ruf nach einem härteren Durchgreifen lauter.
Die so unter Druck gesetzten Migranten werden sich aber sicher nicht Ghandi-ähnlich oder radikal-pazifistisch in ihr Schicksal ergeben. Das verbietet schon deren Religion. Es könnte also ein Bürgerkrieg ausbrechen, der Notstand würde ausgerufen und dann kann die öffentliche Gewalt legal auf ihre Bindung an Gesetz und Recht insoweit verzichten, wie sie es zur Bekämpfung des Notstandes für erforderlich hält. In der Schule habe ich bei dem gefühlt 100-maligen Durchnehmen des Nationalsozialismus immer gedacht: »Na ja, so blöd sind wir heute nicht mehr, zumal Heerscharen von Schülern fast täglich sensibilisiert wurden.« Aber heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Wie Harald Martenstein inzwischen herausgefunden hat, erklärt sich das Handeln der Kanzlerin durch ihre Liebe zu Richard Wagner. Ich finde, es ist ihr gutes Recht, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, ohne die Folgen zu bedenken — allerdings nur als Privatperson. Da dürfte sie selbstverständlich Migranten privat beherbergen, in der deutschen Sprache unterrichten und ihnen als private Arbeitgeberin einen Job anbieten. Wobei — das lässt das deutsche Recht gar nicht zu: weder das Beherbergen über drei Monate hinaus noch das Beschäftigen. Das könnte auch erklären, warum die Kanzlerin — vielleicht aus einer gewissen Hilflosigkeit heraus —alle beruflichen Möglichkeiten nutzt, um ihr Bedürfnis nach Fürsorge zu befriedigen. Ich rufe daher dazu auf, gemeinsam eine alternative Strategie zu finden, bei der auch die Bedürfnisse der anderen 80 Millionen Deutschen berücksichtigt werden. Ich freue mich über jeden Vorschlag in den Kommentaren.